Halb5 Vortrag | 24.04.2002 | Raum
Im Bann des grauen Alltags
Betonbauten, Hinterhöfe und Hausfassaden – Oliver Boberg zeigt alltägliche Orte. Aber was auf den ersten Blick wie trostlos realistische Fotografie wirkt, ist in Wirklichkeit raffinierte Inszenierung: Mit Akribie und Hingabe baut Boberg das nach, was wir sonst übersehen.
Oliver Boberg bekommt 1997 in seinem Fürther Atelier einen seltsamen Anruf. Er habe den “Bayerischen Statlichen Förderpreis für junge Künstler” gewonnen, beglückwünscht ihn ein Mitglied der Jury. Und nach einer Pause fragt er: “Was ist es nochmal, was an ihren Bildern nicht stimmt?” Der Anrufer wusste nicht einmal, ob es sich bei den eingereichten Arbeiten um Fotografien oder Malerei handelte.
Boberg, 36, erzählt die Geschichte des verwirrten Kunstkenners noch heute gern. Denn gerade die Irritation und das Rätsel machen den Reiz seiner Kunst aus. Wenn Boberg Betonbrücken und Hauseinfahrten fotografiert wirken sie alltäglich und künstlich zugleich. (?????)
Die Vernissagen des Künstlers erinnern manchmal an Familientreffen. Wildfremde Besucher erzählen ihm unvermittelt Kindheitserinnerungen, die Motive wie “Spielplatz” (2000) auslösen; sie berichten vom vertrauten Ausblick aus ihrer Küche auf den “Hinterhof” (1997) ihres Mietshauses oder vom letzten Urlaub, wo sie mit dem Auto ganz sicher jene Serpentine entlang gefahren sind, die Boberg in “Kurve” (1999) dargestellt hat.
Aber dann gibt Boberg da Geheimnis seiner Bilder preis. “Ich sage zum Beispiel: Diese winzigen Gräser in der Strassen kurve sind in Wirklichkeit Pinselborsten. Dann ist der Betrachter sprachlos. Er versucht, die Piunselborsten zu sehen und stelklt fest, wie schwer ihm das fällt. Für ein Moment erkennt er sie ganz deutlich, aber dann sieht er wieder das Gesamtmotiv der Strasse - und die Borsten verschwinden.” Boberg weiss, dass diese Enthüllungen nichts mitteilen - sie steigern eher die Neugier.
In Bobergs Welt besteht Gras aus Tee und Erde aus Kaffee und Kleister. Die Ecken der Welt, denen wir im Alltag keine Aufmerksamkeirt schenken, baut der Künstler im Atelier akribisch nach, um sie dann zu fotografieren. Es sind Orte, ” mit denen eigentlich niemand konfrontiert werden will, weil sie öde und leer sind”, wie Boberg sagt. “Wir kennen sie zwar, aber nur flüchtig. Und dass wir mit ihnen so umgehen ist meine Chance.”
Der in Fürth lebende Künstler ergreift die Chance. In seinen Bildern rückt er einen Ausschnitt in den Vordergrund, den der Betrachter in Wirklichkeit übersehen würde, weil er abstosssender und langweiliger nicht sein könnte. Hinterhöfe, Unterführungen, Industriebauten aus Beton und verrostetem Eisen - in der “Boberg-Welt”, wie er seine inszenierten Orte selber gerne nennt, erhalten sie einen Ehrenplatz.
Erste Konturen gibt Boberg seinen Mortiven in einem Pappmodell. Diesen “Dummy” nimmt der Künstler mit der Kamera ins Visier, um die Perspektive zu bestimmen. Erst wenn er sich der Komposition ganz sicher ist, beginnt der minutiöse Aufbau des engültigen Modells.
Für die “Aussichtsplattform”, einer seiner eindringlichsten Arbeiten, trug Boberg in Wochenlanger Kleinarbeit auf zurechtgeschnittene Holzplatten und Leisten mit ruhiger Hand Farbe auf. Dispersionsfarbe lieferte den grauen Untergrund. Mit feinen Kreide- und Kohlestrichen zeichnete er die Fugen nach, imitierte das Moos auf den Kanten und den Schmutz in den Ecken. Eingefärbter Tee wurde zu vermodertem Laub und verdorrtem Gras. Nur die Baumstengel sind echte Zweige, denen Boberg allerdings einige falsche hinzufügte.
Im Atelier des Künstlers reihen sich die Matreialschüsseln wie Farbtöpfe aneinander. Hat er sich einmal für ein Ausdrucksmittel entschieden, benutzt er es immer wieder und entwickelt so eine zweite Welt neben der wirklichen.
In vieler Hinsicht ähnelt seine Arbeit der eines Regisseurs. Alles ist Inszenierung: In einem Moment versenkt er sich wie ein Trompe-l’œil-Maler in kleinste Details des Farbauftrags, dann schaut er durch die Kamera, um die Wirkung zu beurteilen. Im nächsten Moment rieselt er Sand auf den Miniatur-Gehweg, verklebt Äste und fügt Häuser und Wände ein, die er zuvor einzeln entworfen hat. Wie fällt das Licht? Wirft es zuviele Schatten? Sieht der Strassenbelag echt aus? Bevor alles stimmt vergehen Wochen.
Bis zur Entscheidung für die Fotokunst vergingen Jahre. Nach kurzem Studium der Kunstgeschichte in Würzburg experimentierte Boberg in der Klasse von Hans Peter Reuter an der Kunstakademie in Nürnberg zwischen 1986 und 1993 mit Malerei und Modellbau. “Ich habe schnell bemerkt, dass ich am Expressiven der Malerei nicht interessiert bin, sondern an der Atmosphäre eines Bildes. Edward Hopper fand ich damals grossartig”, schwärmt Boberg. “Er setzte die Farbe ein wie ich: illusionistisch.”
Boberg gab die Malerei zunächst auf und ging der Kunst der Illusion auf einem anderen Weg nach: im Modellbau, der ihn bereits als Kind faszinierte. “Ich wollte wissen, ob Modelle ins Gigantische gehen können, indem ich raumsprengende Dinge in Ausstellungsräume hineinbaue. Wie wirkt eine riesige abstahierte Autobahnbrücke?”
Die Reminiszenz an seinen Lehrer Hans Peter Reuter könnte deutlicher nicht sein. Reuters blaugekachelte Räume, teilweise begehbar, teilweise gemalt, lösten 1977 bei der Documenta Irritationen aus: Eine unendliche Reihe abgestufter Blautöne unterliefen die vertraute Raumerfahrung. Die Grenze zwischen realem Raum und gemalter Wand war nicht mehr zu erkennen. “Die Psychologie reitet auf dem Realismus”, hat Reuter einmal seine Arbeit kommentiert. Ein Satz, den Oliver Boberg unterschreiben würde.
Die Begegnung mit dem Fotografen Volker Rudolph bracht 1997 die entscheidende Wende in Bobergs Arbeit. “Plötzlich hatte ich die Möglichkeit, grossformatige und qualitativ hochwertige Bilder machen zu lassen”, erinnert sich Boberg. Rudolph ist seitdem für die fotografische Umsetzung der Bilder verantwortlich.
Die Fotografie gab den Modellen jene illusionistische Wirkung, die Boberg gesucht hatte. “Ich bin an der Wirklichkeit ohnehin nicht interessiert”, sagt er.
In “Betonbrücke”, einer seiner ersten Arbeiten der “Orte”-Serie, füllen vier Trägersäulen monumental den Raum. Den Hintergrund erweitert ein gepflasterter Sockel, dessen Schräge Boberg durch Wasserspuren aus zwei Abflussrohren betont. Die auf den Sockel aufgesetzte Mauer zieht sich waagerecht durch das ganze Bild und trägt in der Mitte den Brückenpfeiler, der den schraffierten Waschbeton wiederholt. Die Untersicht auf die schwarz gefärbte Brücke verkleinert den Betrachter, als würde er darunter hocken. Mehr braucht Boberg nicht, um den Betrachetr in ein fremdes Universum zu versetzen, obwohl alle Einzelheiten vertraut sind. “Betonbrücke” ist Science-Fiction des Alltags.
Diese Serie brachte Boberg zur Malerei zurück. Der Waschbeton der Brücke, der Schonstein, dessen bröckelnder Putz ein altes Mauerwerk freilegt, (”Dach”, 1997), der schlierenartige Rost auf einem Lüftungskasten des “Parkdecks” (1997) und der klassizistische Sandstein-Rundbogen im “Park” (1998) - Boberg vertieft sich in die Beschaffenheit der imitierten Materialen und verfeinert liebevoll die Einzelheiten. Er verleiht den vernachlässigten Orten, an denen sich niemand aufhalten möchte, eine künstlerische Schönheit. Das ist ihre Paradoxie.
In Frankfurt begeisterte er 1997 den auf Fotokunst spezialisierten Galeristen Lothar Albrecht. Er verschaffte Boberg Kontakte in die USA. Bis heute hat er vor allem in jenem Land Erfolg, das der Fotografie schneller und entschiedener künstlerischen Wert beimass.
In ur drei Jahren gelang Boberg, wofür andere ein ganzes Leben lang arbeiten: Die Teilnahme an der “Supermodels”-Ausstellung im Massachussets Museum Of Contemporary Art und Beiträge für eine Gruppenasustellung im Kölner Museum Ludwig sowie im Museum Of Contemporary Photography in Chicago machten ihn, neben dem Deutschen Thomas Demand und dem Amerikaner James Casebere, zu einem bekanntesten Vertreter der Modellfotografie. 1999, da war Boberg 34 Jahre alt, kauft das Guggenheim Museum in New York drei sienr Arbeiten, darunter auch die “Aussichtsplattform”.
Mit einem Stipendium des Bayerischen Staates verbrachte er 1999 sechs Monate in Paris an der Cité des Arts. Von dort reiste er in die Normandie und studierte die Himmel über dem Meer. Als er sich entschloss, vorläufig keine Gebäude und Plätze mehr zu zeigen, sondern Wolken, erklärten ihn alle, die seine Arbeiten kannten, für verrückt. Niemand konnte sich vorstellen, dass es Boberg gelänge, einen Himmel als Modell zu konstruieren. “Natürlich, wollte ich keinen dramatischen Cinemascope-Himmel zeigen oder den bewegten eines William Turner”, relativiert Boberg seine Idee. “Wenn ich zum Himmel schaue, um zu entscheiden, ob ich einen Regenschirm mitnehme – das ist jene flüchtige Wahrnehmung, die ich in Szene setzen wollte.”
Im Fürther Atelier gab es in den folgenden wochen nur noch ein Material: Watte. Vor einer grauen Wand lagerte Boberg zwei schräge Plexiglasscheiben hintereinander auf Böcke. Darauf türmte er meterhohe Watteberge. Die Kamera blickte frontal auf die Schräge der Scheiben. Der Effekt ist atemberaubend: Was wie ein belibiges Chaos aussieht, verwandelt sich im Sucher der Kamera in einen Himmel, als läge man auf einer Wiese und schaute in die Wolken.
Vier Motive fotografierte Boberg als Diptychen. Auf den ersten Blick scheinen die Bildpaare identisch. Doch tatsächlich hat sich der Himmel auf der rechten, späteren Bild um Nuancen verändert. Der Illusion des Modells fügt Boberg Simulation von Bewegung hinzu. Ein neuer Aspekt in seiner Arbeit: “Ich wollte die Starre der Orte auflösen. Bisher hatte ich eindeutige Einzelbilder. Mein “Erdgeschoss” ist eben ein typisches Erdgeschoss. Aber welche konkrete Erinnerung haben wir an einen alltäglichen, unspektakulären Himmel?” Die Diptychen wirken wie abstrakte Malerei, obwohl Boberg hier einmal nicht zum Pinsel gegriffen hat. Sie sind aber auch seine romantischsten Bilder voll magnetischer Kraft. Man möchte sie tagelang anschauen, weil sie einen gefangen nehmen.
Galerie: L.A. Galerie, Lothar Albrecht, Domstrasse 6, 60311 Frankfurt/M., Tel. 0 69 - 28 86 87, www.lagalerie.de
Quelle: art 12/02, Autorin Christine Kramer
Tags: 2002
